PRIVAT / 2021


The photo series “Private View” deals with the fixed idea of finding real, wild nature and experiencing it up close. This longing became even stronger in Corona times – we were on the run from civilisation, which was suddenly too confining. However, in the 2.0 world, the desire turns out to be a post-romantic fantasy. Instead of untouched wilderness, we encounter cultivated landscapes and a nature that has long since been taken over. It belongs to a company, a private person, or “the city”.

Can nature have an “owner” at all? Is this concept ethically and philosophically viable? I asked myself these questions on my Apennine tour, in the middle of the sold-out Carrara Mountains, whose marble powder is in our toothpaste.

“Privat” / Print on Photo Fine Art Paper / 92 x 63 cm / 2021

“Privat” / Print on Photo Fine Art Paper / 92 x 63 cm / 2021

“Privat” / Print on Photo Fine Art Paper / 92 x 63 cm / 2021

“Privat” / Print on Photo Fine Art Paper / 92 x 63 cm / 2021

“Privat” / Print on Photo Fine Art Paper / 92 x 63 cm / 2021

“Privat” / Print on lightbox foil / 100 x 65 cm / 2021

“Privat” exhibition view / Photos + Installation / Ortstermin Festival / Nord Gallery&Kunstverein Tiergarten / Berlin / 2021

“Privat” exhibition view / Photos + Installation /Ortstermin Festival / Nord Gallery&Kunstverein Tiergarten / Berlin / 2021

“Privat” exhibition view / Photos + Installation / Ortstermin Festival / Nord Gallery&Kunstverein Tiergarten / Berlin / 2021

“Privat” exhibition view / “Privat”  – lightbox / Scotty Kunstraum / Berlin / 2021

P R I V A T –

oder vom Ruf der Berge.

Text: Harald F. Theiss  | Kurator | Kunsthistoriker

Fragmentarische Gedanken zu den Fotocollagen von Marcelina Wellmer.

Den Berg zum Antworten zu bringen, ist nicht leicht. Welche Antwort bekommen wir auf den Ruf von abgetragenen Bergen? Möglicherweise bleibt nur noch ein schwacher Nachhall aus der italienischen Alpenlandschaft um Carrara übrig. Die brüchigen Wände, die den Schall zurückwerfen, verschwinden – es wird stiller und das Echo verstummt im leeren Klangraum der Berge. Über das Verschwinden von Landschaften und damit realer Wirklichkeit erzählen die bereits kulissenhaft wirkenden Landschaftsfotografien von Marcelina Wellmer und verstärken über künstlerische Mittel den Eingriff und Einfluss des Menschen in die Landschaft. Er hat sie seit Jahrhunderten geformt und verformt. Es hat im Laufe der Zeit so etwas wie eine Unordnung stattgefunden. Im Zuge der Industrialisierung sind neue Landschaften mit unbekannten Folgen entstanden und damit in der Gegenwart ein wachsendes Bewusstsein und der Wunsch nach Neugestaltung.

Wir kennen aus der Architektur- und Kunstgeschichte das edle weiße Gold, wie der Marmor genannt wird, aber denken dabei weniger an den brachialen Abbau der leuchtenden Berglandschaften in Italien, aus deren Wänden das Rohmaterial herausgetrennt wird.

Entstanden ist das Gestein vor 30 Millionen Jahren, als sich die Kontinentalplatten von Afrika und Europa aufeinander zubewegten und sich zu den Apuanischen Alpen im Nordwesten der Toskana auftürmten. Mit ihren wiederum künstlerischen und fast künstlich anmutenden Landschaftskonstruktionen geht die Künstlerin zurück an den Ursprung der Mythen und Schöpfung – in einem geschützten Raum werden Fragen nicht nur nach der Bilderwirklichkeit gestellt, sondern auch nach dem Verhältnis Mensch und Natur, deren Nutzung und den unvorhersehbaren Folgen dieser Einwirkung. Die skulpturalen Bergfragmente wirken in Wellmers Darstellungen wie geformte Reste. In der Betrachtung beginnen sie sich in der Vorstellung mit etwas danach zu verwischen. Die jahrtausendealten Gesteinsschichten, in denen die Zeit eingeschrieben ist, bröckeln. Was bleibt sind andere Skulpturen und Geschichte(n) der Erinnerung. Wellmers manipulierte Bilder „beschreiben“ und dokumentieren gleichzeitig den sich ständig verändernden Zustand der Berge. Wir sehen auf den großformatigen Fotografien temporäre Bergformen, die sich in naher Zukunft auflösen werden: Das Zeitliche und Vergängliche sind festgehalten. Über eine erweiterte subjektive Landschaftsfotografie werden so Varianten von Transformationsprozessen untersucht und sichtbar gemacht.

Auf der Suche nach zukunftsorientierten Entwürfen bedienen sich die Künstlerinnen und Künstler vielschichtiger Methoden und Medien. Walter Benjamin verwies bereits 1936 in seinem Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit auf den Wandel der Rezeption von Kunst, vor allem durch die Entwicklung der Fotografie und des Films und einer damit veränderten Abbildung von Wirklichkeit, die andere kollektive Wahrnehmungerlebnisse erlaubt. Waren es zunächst Bilder, die den Fortschritt dokumentierten, die Konstruktion von Landschaft und damit die Modernisierung der Gesellschaft, reagieren die nachfolgenden Generationen differenzierter auf ihre Umgebung. Wellmer „wandert“ mit ihrem kritischen Blick über die Ränder des Dokumentarischen hinaus und öffnet gleichzeitig die noch unsichtbaren Resonanzräume mit unvorhersehbaren Folgen. Ihre Fotografien stehen in der Tradition der skeptischen Landschaft, die sich in den letzten Jahrzehnten innerhalb der „New Topographics“ zu einem eigenen kritischen und spekulativen Genre entwickelt hat.

Über eine Ästhetisierung der Bilder rückt die Landschaft wieder verstärkt in unser Bewusstsein. Die Grenzen des Dokumentarischen sind aufgehoben. Auf diese Weise entstehen neue Zusammenhänge. Mit künstlerischen Eingriffen wird auf Veränderungsprozesse hingewiesen. Es entstehen fiktionale und surreale Welten, die zum Denken auffordern. Aber finden sich in den „manipulierten“ Geografien auch die Indizien für gesellschaftliche und ökonomische Transformationsprozesse?

In den Fotocollagen von Marcelina Wellmer schon. Sie sind kein Zustandsbericht, eher ein Kommentar, sie reflektieren, verweisen und befragen vielmehr das wankende Verhältnis von Mensch – Natur – Ökonomie. Sie können als potenzielles Merkmal für Veränderung und als Aufforderung, aus einem Konfliktterrain und von der Landschaft zu lernen, betrachtet werden. Auch weil die italienischen Alpenlandschaften inzwischen längst nicht mehr nur in privaten Händen einheimischer Unternehmen liegen.

Ausstellungen öffnen fiktionale Schutzräume, in denen in der Realität mittels ästhetischer Konzepte und mit (fotografischen) Bildern, andere Wahrnehmungsprozessen in Gang gesetzt werden, die gleichzeitig einen Appell zum Handeln „formulieren“. Die Veränderungen der Natur und Landschaft sind in der Öffentlichkeit präsenter den je. Aber reichen für deren Wandel nach ihrer selbstverständlichen Aneignung die vielschichtigen Beobachtungen und Protokolle, um zu mehr Bewusstsein über das Dasein anzuregen – um auch künftig die Stimme des Berges zu hören?